Kirche rechnet mit Finanzproblemen nach Tarifabschluss

Bonn (KNA)

Nach dem Tarifabschluss im öffentlichen Dienst rechnen die katholische Kirche und die Caritas mit erheblichen finanziellen Problemen. Der Verband der Diözesen Deutschlands (VDD) teilte am Freitag in Bonn auf Anfrage mit, es sei zu befürchten, dass Diözesen, Kirchengemeinden und kirchliche Einrichtungen wegen des Kostendrucks und der zurückgehenden Einnahmen längerfristig Stellen abbauen und ihre Aufgaben auf das unverzichtbar notwendige Maß einschränken müssten. Die katholische Kirche orientiert sich bei der Bezahlung ihrer Mitarbeiter am öffentlichen Tarifrecht.

Der stellvertretende VDD-Geschäftsführer Hans Wendtner erklärte in Bonn, die Höhe der Mehrkosten durch den Tarifabschluss stehe noch nicht fest. Er sehe aber erhebliche Probleme, weil das Kirchensteueraufkommen seit 10 Jahren stagniere und zur Zeit weiter rückläufig sei. Zusätzliche Ausgaben wie steigende Personalkosten können deshalb in der Regel nur durch Kürzungen an anderen Stellen aufgefangen werden. Die kirchlichen Arbeitgeber sähen sich auf der anderen Seite verpflichtet, ihren Beschäftigten einen gerechten und angemessenen Lohn zu zahlen. Die Ausrichtung auf den öffentlichen Dienst entspreche in vielen Bereichen kirchlicher Arbeit diesen Kriterien.

Unterdeckung erwartet

Eine Sprecherin des Deutschen Caritasverbandes erklärte in Berlin, der Wohlfahrtsverband rechne mit erheblichen Mehrausgaben. Allerdings seien die Verhältnisse in jeder Diözese und bei jedem Träger anders zu bewerten. Der Vorstand des Caritasverbands in der Münchner Erzdiözese, Joachim Wiedemann, sagte, er sei zwar froh, dass die Probleme der öffentlichen Haushalte nicht auf dem Rücken der Mitarbeiter ausgetragen würden und die Mitarbeiter nicht leer ausgingen. Jedoch würden diese Tarifsteigerungen zurzeit nicht über Refinanzierungssätze erstattet, so dass auf den Caritasverband deutliche Unterdeckungen zukommen dürften.

Die Tarifparteien hatten sich in der Nacht zum Freitag auf eine mehrstufige Lohnanhebung geeinigt und damit den ersten Streik im öffentlichen Dienst seit rund zehn Jahren doch noch vermieden. Der Kompromiss sieht unter anderem eine Einkommenserhöhung von 2,4 Prozent ab Januar 2003 sowie um weitere je ein Prozent ab Januar und Mai 2004 vor. Zudem gibt es Einmalzahlungen für die Monate November und Dezember 2002. Nach Angaben des Bundesfinanzministeriums wird die Einigung Bund, Länder und Gemeinden im laufenden Jahr rund 2,5 Milliarden Euro Zusatzkosten verursachen. Für 2004 seien es rund 2,9 Milliarden Euro


KOMMENTAR:

Seitens der Mitarbeiterseite ist zu begrüßen, dass ein namhafter Vertreter des VDD die Verpflichtung von Kirche bekräftigt, "ihren Beschäftigten einen gerechten und angemessenen Lohn zu zahlen"

Für die Mitarbeiterseite heißt dies, dass der Tarifabschluss des öffentlichen Dienstes nach wie vor die Messlatte für die Beschlüsse der KODA sind.

Zu hoffen ist, dass man sich in den Kirchenleitungen nicht nur Gedanken macht, wie der Einkommensrückgang zu bewältigen ist, sondern auch wie man weitere Einnahmen erreichen kann, um die Arbeitsplätze zu sichern, die ja nicht um ihrer selbst willen bestehen, sondern um die vielfältigen Aufgaben von Kirche zu erledigen.

In einer Zeit mit einer hohen Arbeitslosigkeit wie heute ist der weitere Abbau von Arbeitsplätzen sicher kontraproduktiv.

 

Georg Grädler
Sprecher der Mitarbeiterseite der Zentral KODA


Zum Tarifabschluss haben sich der Sprecher der Dienstnehmerseite der AK und der Vorsitzende der BAG-MAV wie folgt geäußert:

 

Mitarbeiterseite der Arbeitsrechtlichen Kommission des Deutschen Caritasverbandes
und Bundesarbeitsgemeinschaft der Mitarbeitervertretungen

 

Die Mitarbeiterseite der Arbeitsrechtlichen Kommission des Deutschen Caritasverbandes (AK) und die Bundesarbeitsgemeinschaft der Mitarbeitervertretungen im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz (BAB-MAV) erklären zum Tarifabschluss im öffentlichen Dienst:

Die Mitarbeiterseite der AK und die BAG-MAV begrüßen, dass die Tarifpartner des öffentlichen Dienstes ohne Streik zu einem Ergebnis gekommen sind. Sie halten es jetzt für dringend erforderlich, dass sich die AK wie bisher so eng wie möglich den Regelungen des öffentlichen Dienstes anschließt. Nur so ist im Rahmen des "Dritten Weges" für die 480 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den 26 000 Einrichtungen der Caritas der Anschluss an die allgemeine Tarifentwicklung in Deutschland gewährleistet.

Eine Nicht-Übernahme der Tarifergebnisse des öffentlichen Dienstes wäre der erste Schritt zu einer nicht wieder gut zu machenden Abkoppelung von der allgemeinen Lohnentwicklung und der Beginn von Lohndumping. Lohndumping jedoch ist den Beschäftigten im sozialen Bereich der katholischen Kirche nicht zuzumuten.

Durch die Sparzwänge der öffentlichen Hand und der verschiedenen Kostenträger, die rücksichtslos an die Träger sozialer Einrichtungen weitergereicht werden, erreicht die Arbeitsbelastung insbesondere im Bereich der ambulanten und stationären Pflege und medizinischen Versorgung, dem größten Bereich der Caritas, ein kaum mehr zu vertretendes Ausmaß. Wenn diese hohe Belastung derzeit schon kaum vermeidbar erscheint, so sollte wenigstens, nach den Prinzipien der katholischen Soziallehre, der gerechten Arbeit auch gerechter Lohn zugemessen werden. Durch die moderaten Gehaltssteigerungen der letzten Jahre und die einschneidende Reform der betrieblichen Altersversorgung im vergangenen Jahr haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihren Beitrag zur Entlastung der öffentlichen Kassen bereits geleistet.

Statt Eingriffen in die Gehälter erwarten die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen verstärkte Anstrengungen des Managements, die Finanzierung sozialer Dienste auf verbesserte tragfähigere Grundlagen zu stellen.

 

Schwäbisch Gmünd, den 10. Januar 2003

 

 

gez.
Günter Däggelmann
Pressesprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft der
Mitarbeiterseite der Mitarbeitervertretungen
Postfach 25
77949 Ettenheim

gez.
Thomas Schwendele
Pressesprecher für die Arbeitsrechtliche Kommission des DCV
Parlerstr. 29
73525 Schwäbisch Gmünd